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Grazia Deledda: Ein Tor nach Sardinien

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Als zweite Frau überhaupt wurde Grazia Deledda 1927 der Literaturnobelpreis verliehen. Gewürdigt wurde neben ihrem Idealismus, mit dem sie zwischenmenschlichen Herausforderungen ihrer Zeit begegnete, die Schilderungen sardischer Natur und Lebensweise. Dass Grazia Deledda große Themen wie Gerechtigkeit oder Ehre inmitten des einfachen Lebens auf Sardinien Ende des 19. Jahrhunderts platziert, ist keine Wunder. Sie selbst wuchs in Nuoro auf, ein kleiner Ort inmitten der rauen sardischen Natur.

„Und Gott verhieß ein gutes Jahr. Immerhin hatte er dafür gesorgt, dass alle Mandel- und Pfirsichbäume im Tal von Blüten übersät waren. Und das Tal selbst zwischen den beiden weißen Hügelketten – aus der Ferne schimmerten blau die Berge im Westen und das Meer im Osten herüber – erinnerte mit seinen Frühlingswiesen, seinen Rinnsalen, seinen Blumen und Sträuchern und dem eintönigen Gemurmel des Flusses an die mit grünen, wehenden Schleiern und hellblauen Bändern geschmückte Wiege eines einschlummernden Kindes.“

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Grazia Deledda schildert ein ursprüngliches, altertümliches Sardinien. Ihre Schilderungen, so anschaulich und detailgetreu, dass man der Schriftstellerin heute ein fotografisches Gedächtnis nachsagt. Selbst ihre späten Werke, als sie schon lange ihre Heimat verlassen hat, sind auf Sardinien verankert. Das autobiografische Buch Cosima stammt aus dieser Zeit und schildert ihre Kindheit und Jugend auf Sardinien. Ihre Erzählungen sind von einer großen Liebe zu ihrer Heimat geprägt und zeigen trotzdem einen inneren Widerstand gegen das Brauchtum und die Enge eines Landes, das von den Weiten des Meeres begrenzt ist.

„Donna Lia, seine dritte Tochter, verschwand eines Tages aus dem väterlichen Haus, und lange Zeit hörte man nichts mehr von ihr. Der Schatten des Todes lastete auf dem Haus. Niemals hatte es in der Gegend einen derartigen Skandal gegeben, niemals zuvor war ein adliges und wohlerzogenes Mädchen wie Lia auf eine solche Weise geflohen. Don Same schien den Verstand zu verlieren. Auf der Suche nach Lia irrte er in der ganzen Gegend umher und durchkämmte die Küste. Doch niemand konnte ihm Auskunft über sie geben. Endlich schrieb sie ihren Schwestern, dass sie sich an einem sicheren Ort befände und glücklich sei, ihre Ketten gesprengt zu haben. Die Schwestern aber verziehen ihr dies nicht und gaben ihr keine Antwort.“

Grazia Deledda bekommt die stummen Regeln erstmals zu spüren, als sie kaum älter als zehn die Schule abbrechen muss. Kaum eine Frau auf Sardinien kann damals Lesen und Schreiben. Auch gilt Schreiben als Sünde und das gesprochene Sardisch kann nicht verschriftlicht werden. Die junge Grazia soll jedoch bereits vor der Schule von ihrem Onkel Schreiben gelernt haben und als sie die Schule verlassen muss, lernt sie einfach weiter. Italienisch, Französisch und Latein. Ihre erste Geschichte veröffentlichte Grazia Deledda mit 17.

Diese literarische Selbstbestimmtheit stößt im Umfeld jedoch auf Widerspruch. Grazia Deledda wird ausgegrenzt und ihre Familie setzt sie unter Druck, da sie befürchten, eine schreibende Frau hätte Schwierigkeiten auf dem Heiratsmarkt. Grazia Deledda schreibt zunächst im Geheimen weiter, ihre Publikationen werden jedoch auch außerhalb Sardiniens bekannter. Die Menschen sind neugierig auf das Italien abseits des Festlandes. 1900 zieht es Grazia Deledda selbst dorthin. Sie heiratet und zieht nach Rom, wo sich ihr schriftstellerisches Schaffen vervielfacht.

Die Hauptfiguren in den Romanen sind häufig Frauen, die an gesellschaftlichen Strukturen und Tabus der damaligen Zeit scheitern und wachsen. Wie Grazia Deledda selbst. Ihr Lebensweg ist in vielerlei Hinsicht mutig und visionär. Eine emanzipierte Frau, die es wagt, die Gesetze ihrer Welt in Frage zu stellen und sich für einen anderen Weg zu entscheiden. Gleichzeitig zeugen viele ihrer Geschichten von einer tiefen Verwurzelung der sardischen Traditionen, Werte und natürlich auch jener der Zeit. Dennoch sind Grazia Deleddas Geschichten eben jene Mischung zweier Welten. Einer äußeren, archaischen und einer inneren, freiheitsbedürftigen. Beide wohnen der Schriftstellerin inne und sind dafür verantwortlich, dass wir das alte Sardinien heute in ihren Büchern entdecken dürfen.

„Ich habe in Berührung mit dem Volk und den schönsten und wildesten Landschaften gelebt, in die sich meine Seele versenkt hat und daraus ist meine Kunst entstanden, wie ein Lied, ein Motiv, das sich plötzlich von den Lippen eines primitiven Dichters erhebt.“

Tipps rund um Grazia Deledda

Die im Text zitierten Passagen stammen aus Deleddas Buch Schilf im Wind. Anlässlich des 150. Geburtstages wurde das Werk 2021 neu aufgelegt. Hier können Sie die Neuauflage bestellen.

Mehr noch als das Buch selbst empfehle ich diese Rezension von Maike Albath (Deutschlandfunk). Der Hörbeitrag befasst sich nicht nur mit dem Buch selbst, sondern zeigt anhand dessen auf wunderbar feingeistige Weise Grazia Deleddas literarisches Werk und ihre Person. Außerdem erfährt man spannende Details über ihre Ehe oder ihre Haltung zu Mussolini. Ein große Empfehlung!

In dieser Kurzdoku widmet sich Arte Grazia Deledda, ihrem Werk und der sardischen Heimat.

Auf den Spuren: Bloggerin Nicole hat einen Beitrag veröffentlicht, der die Orte vorstellt, die Grazia Deledda in ihren Büchern beschreibt. 

Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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