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Literaturtipp: Marco Balzano-„Ich bleibe hier“

Medientipp Südtirol Marco Bolzano Ich bleibe hier Reschensee Illustration

Illustration: Burak Eser

Wer heute Südtirol bereist, wird von der einzigartigen Mischung zwischen italienischer Lebensart und alpiner Kultur in Beschlag genommen. Zum einen ist dafür die geografische Lage verantwortlich. Die milden Sommer für den Weinanbau und die schneebedeckten Gipfel für winterliche Behaglichkeit. Jedoch prägte ein dunkles Kapitel diese gegensätzliche Übereinkunft. Der Schriftsteller Marco Balzano hat sich diesem Kapitel angenommen und ein Buch geschrieben, das von der Italienisierung Südtirols ab Ende der 1930er Jahre berichtet.

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In Ich bleibe hier erzählt Balzano von Trina, einer Lehrerin aus Vinschgau, die sich gegen den aufkommenden Faschismus auflehnt. Seit Mussolinis Marsch auf Bozen ist das Leben in Südtirol nicht mehr wie zuvor, denn jeder, der Deutsch spricht, muss unter dem neuen Regime leiden.

„Mit der Ankunft des Duce war klar, dass wir wahrscheinlich keine Stelle bekommen würden, weil wir keine Italienerinnen waren. (…) Wir übten diese fremde Sprache und hofften, die Faschisten würden unseren Eifer und unser Diplom zu schätzen wissen.“  (Auszug aus dem Buch)

Trina unterrichtet im Untergrund, ihr Mann, ein Südtiroler Bergbauer, wird zu Beginn des zweiten Weltkrieges einberufen, kehrt verwundet heim und das Paar beschließt, in die Berge zu fliehen, während sich ihr Sohn den Nazionalsozialisten anschließt. Ist der Krieg überstanden, will die neue Regierung einen Staudamm bauen, der die umliegenden Dörfer bedroht. Trina sieht ihre Heimat und Lebensgrundlage unter dem Wasser verschwinden. Das einzige Überbleibsel ist der Kirchturm, der bis heute aus dem Reschensee ragt und an all die Biografien erinnert, die der Staudamm verschluckt hat.

„Eines Morgens entdeckte ein Bauer aus Graun, dass sein Stall einen halben Meter unter Wasser stand. Darauf schwammen die toten Hühner und das zerrupfte Heu.“ (Auszug aus dem Buch)

Balzanos Erzählung von Trinas Leben ist eine dieser Biografien. Für seinen Roman recherchierte der Autor viele Jahre, suchte Zeitzeugen und Archive auf, befragte Soziologen und Historiker. Die Details, mit denen Balzano seine Erzählung anreichert, machen bemerkbar, wie viel Arbeit in diesem Buch steckt.

„In meinen früheren Romanen habe ich immer erzählt, dass es absolut legitim ist wegzugehen, dass die Emigration eine außerordentliche Metapher für unseren berechtigten Wunsch ist, unser Leben zu verbessern und, warum nicht, unser Glück zu finden. Allerdings übersehe ich trotz dieser Überzeugung nicht, wie sehr wir auch Menschen brauchen, die es verstehen dazubleiben, Widerstand zu leisten, die Dinge von innen heraus zu verändern. Doch das ist nicht alles: Ich wollte einen Roman schreiben, der vor einem anderen Hintergrund spielt und ein anderes Thema behandelt, aber dennoch weiter die Benachteiligten, das am wenigsten bekannte Italien beleuchtet, also dem sozialkritischen literarischen Ansatz treu bleiben. Ich fühlte, dass ich mich auf ein anderes Wissen einlassen musste, das mir nicht vertraut war, um die Unruhe und den Hunger dessen zu spüren, der Neuland betritt. Als ich dann an jenem Sommertag im Vinschgau, in diesem Dörfchen wenige Kilometer von der Schweiz und von Österreich entfernt ankam und den Kirchturm aus dem Wasser ragen sah, dachte ich sofort, dass hier eine Geschichte wartete. Ein Schriftsteller ist zuallererst einer, der Geschichten sucht und es versteht, ihnen zuzuhören: Hier ist mir die Geschichte zum ersten Mal von sich aus entgegengekommen. Der Kirchturm erzählt mit seiner Präsenz davon, dass dort unten eine Zerstörung stattgefunden hat und dass es vor der Auslöschung einen vielschichtigen Kosmos von Leuten gegeben haben muss, die mühevoll und mit Würde ihr Leben fristeten. Bauern, Hirten, Senner. Meine Geschichte würde von den Untergegangenen handeln, während sich darüber ganz ahnungslos die Geretteten tummeln. Ja, denn dem Blick des Ankömmlings bietet sich in Graun eine überraschende und beunruhigende Szenerie: Leute, die in der Sonne liegen, Segelboot fahren, am Ufer des Stausees Ball spielen, ein Tretboot mieten, um den Kirchturm zu umrunden, und mit der Kirche im Hintergrund Selfies knipsen. Zwischen dem damaligen Hirten und Bauerndorf und dem jetzigen Massentourismus besteht keine Verbindung. Zwischen dem seinerzeit armen Südtirol voller Analphabeten und dem Südtirol von heute – reich, ordentlich, mit Geranien an den Fenstern – besteht keine Verbindung. Dieses Dorf und diese Region scheinen auszudrücken, dass sich die Geschichte einfach überlagert, ohne jegliches dialektisches Verhältnis: ohne jegliches Vermächtnis.“

–          Kommentar Marco Balzano aus dem Literaturblog Letteratiudinenews im Mai 2018

„Ich bleibe hier“ ist beim Diogenes Verlag erschienen . Das Buch können Sie hier erwerben. Oder besuchen Sie den Buchhändler Ihres Vertrauens und unterstützen Sie den regionalen Einzelhandel.

Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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