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„Toscana mia“: Skizzen einer deutschen Sehnsucht

Buchtipp Robert Gernhardt Toscana mia

Wer schreibt, bleibt. […] Spätsommer 1973. Wir verbringen erstmals mehrere Monate im sogenannten „Ospedale di Montaio“, eine bemooste Benennung, die darauf verweist, daß das alte Gemäuer zeitweise als Asyl und Herberge gedient hat. Almut und ich richten unsere Ateliers ein und beginnen mit dem Malen: Sie malt die Tiere, die sie vor Augen hat, vorzugsweise unsere Katzen, die Früchte der Gegend und die sie umgebende Landschaft; ich richte mein Augenmerk auf schrundige Wände und schlichte Gegenstände im südlich klaren Licht.

Noch nämlich schreibe ich, um mich und andere zu unterhalten, mich finanziell und andere mental und intellektuell. Noch male ich, um die Schönheit der Welt im Licht zu rühmen, in der Hoffnung selbst an diesem Glanz partizipieren zu können. Wer malt, strahlt. 1

Ein Jahr zuvor erwarb Robert Gernhardt, der große Lyriker und Karikaturist der deutschen Nachkriegsliteratur, gemeinsam mit Freunden ein baufälliges Bauernhaus im Chianti-Gebiet. Nach mühevoller Instandsetzung, bei der sprachliche und fachliche Hürden zu bewältigen waren, wird das Ospedale schnell zu einem identitätsstiftenden Ort für den damals 35-jährigen. Fortan verbringt er jedes Jahr mehrere Monate mit seiner Frau in der Toskana; schreibt und zeichnet.

Gernhardts Begegnungen mit der Kultur Mittelitaliens haben sein Werk geprägt: Sie inspirierten ihn zu einem Theaterstück (Die Toscana-Therapie), zu diversen Gedichtzyklen, Romanen und Essays.

Legendäre Brunnen-Hefte

Der 2006 verstorbene Künstler hat nicht weniger als 675 Schulhefte der Marke Brunnen mit Texten und Skizzen, Reimen und Reflexionen gefüllt. Er nannte die Brunnen-Hefte „die eigentliche Summe meiner Existenz“, hielt sie für „authentischer als Bilder und Bücher, da sie reine Bewegung sind und kein Ankommen“.

Aus diesem, im Deutschen Literaturarchiv zu Marbach verwahrten, Nachlass ist Toscana mia entstanden. Mehr als 40.000 Heftseiten hat die Herausgeberin Kristina Maidt-Zinke gesichtet, um für das Buch Gedichte, Notate und Zeichnungen mit Toskana-Bezug auszuwählen. Chronologisch geordnet, lassen sie den Leser Gernhardts Aufenthalte in Italien in einem Zeitraum von fast drei Jahrzehnten ausschnitthaft nacherleben.

Robert Gernhardts Tierleben

Was macht diese Sammlung toskanischer Alltagsanekdoten in Toscana mia interessant? Beim ersten Durchblättern fallen mir zunächst die Skizzenblätter ins Auge. Ziemlich viel „Cat Content“, wie es in der heutigen Social-Media-Sprache heißt. Gekonnt mit leichtem Strich aufs Blatt geworfen, als schraffiertes Spiel von Licht und Schatten: in der Sonne dösende Katzen, kauernd oder liegend; aus dem Napf fressende Katzen, allein oder in Gruppe. Auf den Seiten dazwischen tummelt sich allerhand anderes Getier.

Dann, ab Mitte der 90er Jahre, vornehmlich der am Strand aufgelesene „Fundhund“. Schon ohne eine einzige Zeile gelesen zu haben, wird mir klar: Gernhardt war ein großer Tierfreund und ein aufmerksamer Beobachter. Dabei hatte er nicht nur sein Umfeld, sondern häufig auch sich selbst im Visier. So wenige Striche er benötigte, um Beobachtungen festzuhalten, so wenige Worte genügten ihm, um Stimmungen einzufangen.

Vielklang der Stimmen: Steinkauz, Frosch, Nachtigall, Hund.
Vielklang des Lichts: Lampe, Stern, Mond, Glühwürmchen.

Von der überbordenden toskanischen Fauna scheint der Frankfurter Stadtmensch im Sommer 1984 schier überwältigt:

Viel: Viele Glühwürmchen (!), viele Quappen, viele Frösche, viele Grillen, viele Falter, die von Fledermäusen weggeputzt werden, viele Hirschkäfer, viele Ameisen (sowieso), viele Mauersegler, viele Schlangen.
Die Falter, die langsam verschwinden – von den Ameisen aufgelöst.
Die Ameisen, die langsam vom Tisch Besitz ergreifen.
Die Natur übernimmt das Haus: Die Tausendfüßler, die Spinnen, die Ameisen, die Made, die über den Tisch kriecht.

Deutsches Far Niente

Gernhardt versteht es, Banales bedeutsam, gar metaphorisch werden zu lassen; das Besondere im Trivialen zu sehen. Die Lektüre von Toscana mia weckt in mir längst vergessene Urlaubserinnerungen. Hätte ich sie doch auch so achtsam festgehalten!

Werden dem Autor aber die eigenen Notizen zu pathetisch, finden sie ein lakonisches bis selbstironisches Ende. Ganz wie es sich für einen scharfsinnigen Satiriker und Humoristen gehört. Robert Gernhardt war Mitbegründer des Satiremagazins Titanic und des Humor-Kollektivs Neue Frankfurter Schule. Neben seiner freien Mitarbeit bei Radio und Fernsehen belieferte er den Bühnenkomiker Otto Waalkes mit Texten.

Juni: Die langen Abende und die langen Schatten. Das Blau-Gelb in der Landschaft. Dabei selten klar, häufig schwül, sehr geruchreich: Ginster, Liguster, jede Art von Blumen. Die Oliven blühen. Das Relief, das die Landschaft so gegen 20 Uhr bekommt. Und so weiter.

Regelmäßige Besuche des nahegelegenen Sees führen Gernhardt weg von seinem Arbeitsplatz auf der Terrasse und verführen ihn zum Dolcefarniente. Jedoch ist selbst der integrierteste Toskana-Deutsche nur ein halber Italiener, weswegen er sich gleich wieder zu Pflicht und Ordnung ruft:

Am Waldsee
Schwerelos im Wasser treiben,
nie mehr zeichnen, nie mehr schreiben,
nie mehr lieben, nie mehr hassen.
Ha! Das könnte euch so passen!

Toskanaglück

Auch wenn wir in Toscana mia auf einen Wahlitaliener mit widerstreitenden Gefühlen treffen – Gernhardt schwärmt von der Schönheit der Landschaft, der Küche mit feldfrischen Zutaten, beklagt sich aber zugleich über die Verschandelung der Dörfer und das lautstarke Ackern der Bauern – überwiegen doch die in Wort und Bild festgehaltenen Glücksmomente.

Nun sitze ich also wieder mal, mild umfächelt in dieser lieblich warmen Septembernacht, im gewohnten Eck, und weiß wieder, wie sehr es Orte sind, die Werke ermöglichen oder erst hervorrufen.

Das Universalgenie Robert Gernhardt hatte in Montaio einen Ort mit Genius Loci gefunden, der ihn immer wieder von neuem inspirierte. Am Ende ist es das, was der Leser als Anregung aus dem Buch mitnimmt: das feinfühlige Hineinspüren in einen Ort, das aufmerksame Beobachten eines Moments. Dann können wir mit Gernhardts Worten begeistert ausrufen:

Nein, das hat man nicht alle Tage!
Nein, das gibt es nicht überall!
Ja! Wenn ich es Ihnen doch sage:
Das ist leider nur hier der Fall.

Quellenhinweise:
1 aus Robert Gernhardt, Was das Gedicht alles kann: Alles – Texte zur Poetik
alle anderen Textauszüge aus Robert Gernhardt, Toscana mia

Hier gibt’s das Buch von Robert Gernhardt

Erschienen im S. Fischer Verlag
1. Auflage 2011
368 Seiten
ISBN: 978-3-10-025512-9

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Buchtipp Robert Gernhardt Toscana mia

Mareike Dietrich

Textgestalterin – Autorin

Als Innenarchitektin und Texterin gestaltet Mareike Ideen, Räume und Sprache. Für Glücksmomente Charmingplaces berichtet sie über alles, was ihr am Herzen liegt und sie selbst glücklich macht.

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