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Buchtipp Toskana: „Meine zehn Großväter, das Meer und ich“ von Fabio Genovesi

Buchtipp Toskana Meine zehn Großväter, das Meer und ich Fabio Genovesi

Illustration: Burak Eser

Es gibt zahlreiche Geschichten, die von der Toskana erzählen und gleichzeitig doch nichts über sie verraten. Anders machen es die Bücher von Fabio Genovesi, der selbst ein toskanisches Original ist. Er verbringt seine Kindheit in dem kleinen Küstenort Forte dei Marmi und dieses Leben greift der Autor in seinen Büchern, wie auch in diesem Buchtipp, immer wieder auf.

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Die Geschichten von Fabio Genovesi sind geprägt von einer tiefschürfenden Authentizität, die man als Gast der Region wohl sonst kaum zu Gesicht bekommt. Verstärkt wird dieser Effekt durch die erzählende Perspektive, die in den meisten Büchern, die eines Kindes ist. Trotz der eher ruhigen Geschichten verzichtet Fabio Genovesi auf nichts. Zwischen den Zeilen entdeckt man alles, was zum Leben dazu gehört, und in den Zeilen selbst stehen schöne Weisheiten.

Es gibt darum kein Buch von Genovesi, das ich nicht empfehle. Mein Favorti ist sein im letzten Jahr erschienenes Buch „Meine zehn Großväter, das Meer und ich“. Schon auf den ersten Seiten hat mich die Geschichte zum Schmunzeln gebracht, als der Protagonist mit seinem Onkel eine Matheaufgabe löst. Und diese Passage zeigt auch, warum Genovesis Erzählungen so liebenswert sind.

„Es ist nicht nur so, dass ich Mathe nicht verstehe, Mathematik macht mich sogar richtig traurig, ich brauche nur daran zu denken, dass sie existiert, schon habe ich einen bitteren Geschmack im Mund, wie wenn mir ein Foto von Opa Arolando in die Hände fällt, auf dem er lächelt, wo ich ihn doch so lieb hatte und es mir ungerecht erscheint, dass er, wie die Dinosaurier  ausgestorben ist und nicht mehr wiederkommt. Und was im Fall der Mathematik nie wiederkommt, ist die Lebenszeit, die man vergeudet, während man ihre absurden Probleme zu lösen versucht, wie eben das von gestern:

Der Bauer Pino besitzt 20 Hühner, die jeden Tag 10 frische Eier legen. Eines Morgens jedoch wacht Pino auf und bemerkt, dass 5 Hühner aus dem Hühnerstall abgehauen sind, weitere 5 Hühner der Fuchs gestohlen hat. Armer Pino, wie viele Eier kann er an diesem Tag zum Markt tragen?“

Ich las es laut und hoffte einen Moment lang wirklich, dass mein Onkel mir die Lösung sagen würde. Ohne Erklärungen, ohne mich durch Nachdenken selbst darauf kommen zu lassen, einfach nur die Anzahl der Eier und tschüss, Hausaufgaben. Dann schaute ich hoch und sah seine ins Leere starrenden, aufgerissenen Augen, und da war klar, dass es nicht so laufen würde. Er schüttelte langsam den Kopf, verzog angewidert den Mund, riss mir das Heft aus der Hand und rollte es so fest zusammen, als wollte er es erwürgen.

„Was soll das denn? Wie schafft man es, dass einem gleich fünf Hühner in einer einzigen Nacht entwischen, wie schafft ein Fuchs das, dir gleich fünf auf einmal zu klauen! Dieser Pino ist ein Idiot, was bringen sie euch in der Schule denn da bei?“

„Das weiß ich nicht. Aber weißt du die Lösung?“

„Klar weiß ich die! Die Lösung ist Null! Dieser Idiot Pino verkauft kein einziges Ei, bescheuert wie er ist, verfährt er sich bestimmt und kommt gar nicht erst beim Markt an!“

Darauf nahm er den Stift und malte eine Null auf die Seite, so groß wie mein Kopf. Er fuhr sie so oft und so stark nach, dass es aussah wie ein durchdrehendes Rad, dann wie ein Strudel, der voller Wut herum wirbelte, mein Onkel hörte erst auf, als er das Blatt und mehrere Blätter darunter durchlöchert hatte. Dann packte er mich am Arm und zog mich fort, raus an die frische Luft und zu den vielen Vögeln, die, schlau wie sie waren, gleich davon flogen, weit weg von ihm, und er ließ mich erst los, als wir am Ende der Straße angekommen waren, damit wir uns auf den Boden legen und unter Onkel Arnos Zaun durchschlüpfen konnten.

Onkel Aldo brütete aber immer noch darüber, denn während wir wie Schlangen durch den Zaun krochen, zischelte er weiter vor sich hin: Zehn Hühner auf einen Schlag … was für ein Depp … arme Kinder, was bringen sie auch da nur bei, arme Kinder …

Dann ging der Tag zu Ende und die Nacht begann, und in meiner Familie bringt es nie etwas, eine Nacht darüber zu schlafen. Im Gegenteil, das macht alles nur schlimmer. Wenn dich bei uns im Dorf etwas wütend macht, kochst du noch mehr vor Wut, und am Morgen danach ist es noch hundertmal schlimmer. Und der Morgen danach war eben genau heute morgen, als mein Onkel in die Schule gekommen ist und die Klasse in Beschlag genommen hat. Und jetzt erklärt er uns gerade, wie man einen anständigen Hühnerstall baut.“

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Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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