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Städtereise Stettin: Geheimtipp für Architektur-Begeisterte

Geheimtipps Architektur Stettin

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Foto oben: UMSzczecin, EBV Szczecin noc, CC BY-SA 4.0

Im Stadtbild Stettins, der Hauptstadt Westpommerns, heilen die städtebaulichen Wunden des zweiten Weltkrieges nur langsam. Altstadt und Hafen wurden damals weitgehend zerstört, der sozialistische Wiederaufbau in den Fünfzigern ignorierte das historische Raster.

Noch heute wird das Stadtzentrum von einer breit angelegten Verkehrsführung aus den siebziger Jahren zerschnitten. Plattenbauten und architektonische Relikte der Spätgotik stehen beziehungslos beieinander – flankiert von postmodernen Bemühungen, die historischen Leerstellen neu zu interpretieren.

Das klingt nicht sonderlich reizvoll, denken Sie? Doch! Stettin ist eine Stadt spannender Kontraste, deren Lebendigkeit auf der eigenen Identitätssuche beruht. Hier vermengen sich die Einflüsse eines slawischen Ursprungs, einer deutschen Vergangenheit, einer polnischen Gegenwart und europäischen Zukunft.

Gerade diese kulturellen Umbrüche und das wilde Konglomerat baulicher Fragmente machen den Reiz der westlichsten Großstadt Polens nahe der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern aus.

Harmoniesuchende können sich an weitläufigen Grün- und Wasserflächen erfreuen. Mehr als die Hälfte des Stadtgebiets wird von Parks eingenommen. Und die Ausläufer des Stettiner Haffs erstrecken sich bis an die Stadtgrenzen. Es ist mit rund 900 Quadratkilometern Ausdehnung die zweitgrößte Lagune der Ostsee und ein wertvolles Naturbiotop. Lesen Sie hier auch unsere Geheimtipps zum Stettiner Haff.

Aber wenden wir uns wieder der Innenstadt zu, um die zahlreichen Überraschungen zu entdecken, die Stettin für uns bereithält. Szczecin ist eine junge Stadt mit vielen Studenten und einem großen Angebot an Cafés, Bars und Restaurants.

Berlin liegt näher als Warschau und wird von Stettiner Kulturschaffenden regelmäßig besucht – und umgekehrt. Die Verbindung der lokalen zur internationalen Kunstszene ist fruchtbar. Kulturzentren wie die Trafostation der Kunst oder der Alte Schlachthof sind lohnende Ziele bei einer Reise nach Stettin.

Architektur-Ikonen an geschichtsträchtigem Ort

Zum kulturellen Pflichtprogramm gehört auf jeden Fall die Besichtigung der zwei ikonischen Kulturbauten am Solidarności-Platz, die Stettin über Nacht berühmt gemacht haben. Sie stehen sinnbildlich für die Wiedergeburt der Stadt.

2014 wurde die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie eröffnet und kurz darauf als bestes Bauwerk des Jahres mit dem Mies-van-der-Rohe-Preis ausgezeichnet. Im Jahre 2016 folgte vis-a-vis das Dialogzentrum „Przełomy”, das zum „World Building of the Year“ gekürt wurde und zudem den „European Prize for Urban Space“ erhielt. Das Augenmerk der internationalen Architekturszene ruhte in diesem Jahr auf einem Gebäude, das man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Aber dazu später mehr.

Die Stettiner Pilgerstätte für Fans zeitgenössischer Architektur ist ein geschichtsträchtiger Ort. Einst war der Solidarności-Platz das Aushängeschild der Stadt, umgeben von repräsentativen Wohnhäusern und einem Konzerthaus aus der Gründerzeit. Im zweiten Weltkrieg fiel das gesamte Viertel den Bombenangriffen der Alliierten zum Opfer. Jahrzehntelang klaffte eine Lücke im Stadtgefüge, ohne definierte Nutzung und Grenzen.

Während des Arbeiteraufstands im Dezember 1970 wurde der Platz zu einem Mahnmal des Freiheitskampfes. 16 Demonstranten verloren dort durch Polizeigewalt ihr Leben.

Aus der Schwere dieses historisch belasteten Ortes sollte 45 Jahre später ein ganz leicht erscheinendes Gebäude emporwachsen. Das Architekturstudio Barozzi Veiga aus Barcelona überzeugte mit seinem sensiblen Wettbewerbsentwurf und erhielt 2007 den Bauauftrag für die neue, 13.000 m² große Philharmonie. Mit der Absicht, die Umgebungsbebauung in abstrakter Weise zu zitieren, erschufen die jungen Architekten eine expressive Komposition aus vertikal gegliederten Baukörpern, gekrönt von spitzen Giebeldächern.

Wie eine Orgel besteht das Gebäude aus vielen kleinteiligen Elementen, die alle zusammen eine zum Himmel strebende Einheit ergeben. Es ist vom Sockel bis zum Giebel mit weißem Milchglas überzogen, das Einblicke verwehrt, aber Licht durchlässt. Besonders bei Dunkelheit, wenn die Fassade von Hunderten winziger LED-Strahler indirekt beleuchtet wird, scheint sich die feste Materialität des Bauwerks aufzulösen.

Architektur als Raummusik

Betritt man die Philharmonie durch die größte der drei Öffnungen in der Gebäudehülle, beeindruckt der erhabene, fast sakral wirkende Innenraum. Skulpturale Treppenelemente und eingeschobene Raumvolumen durchdringen die vier Stockwerke hohe Halle. Auch hier herrscht kühles Weiß vor – in allen Nuancen, die durch das Spiel von Licht und Schatten entstehen. Welch grandios inszenierter Kontrast zu den beiden Herzkammern der Philharmonie, den Musiksälen!

Der große Konzertsaal erstrahlt gänzlich in warmem Gold. Wände und Decke wurden von Hand mit Blattbronze belegt, facettenartig gefaltete Paneele sorgen für die viel gelobte Akustik. So wie sich ein leeres Notenblatt beim Komponieren mit Tönen und Rhythmus füllt, so haben die Architekten die weiße Gebäudehülle mit Farbe und Form belebt. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb Schelling Architektur als „erstarrte Musik“. Die Architekten von Barozzi Veiga aus Spanien haben dieser Idee einen zeitgemäßen Ausdruck verliehen.

Extratipp: Falls die Konzertveranstaltungen während Ihres Aufenthalts in Stettin ausverkauft sein sollten, können Sie sich auf der Website der Philharmonie zu einer Führung in deutscher oder englischer Sprache anmelden. Sehenswert ist auch das Video-Interview mit den Architekten.

Stettin im Umbruch

Die nächste städtebauliche Maßnahme, welche die Wahrnehmung und Nutzung des Solidarności-Platzes verändern sollte, war die Errichtung des Dialogzentrums „Przełomy“ (auf Deutsch „Umbrüche“) – eine Abteilung des Nationalmuseums, die sich der Geschichte von Szczecin widmet.

Diesmal gewann ein polnisches Architekturbüro, KWK Promes aus Katowice, den ausgelobten Wettbewerb. Um den Charakter des 2005 als Gedenkstätte eingestuften Platzes zu erhalten, entschieden sich die Architekten, den Großteil der Räume unterirdisch anzulegen.

Nur die nordöstliche Ecke des Gebäudes erhebt sich über das Bodenniveau, sodass der mit Betonplatten belegte Platz sanft ansteigend in das Flachdach des Gebäudes übergeht.

Ein langgezogener Schlitz im Boden leitet die Besucher ins Innere des Museums, durch einen Eingang aus drehbaren Betonscheiben. Auch an der überirdischen Seite finden sich diese aus der Fassadenebene gedrehten Elemente, die dem minimalistischen Bauwerk Prägnanz und Struktur verleihen.

Geschickt lässt der Entwurf die Grenzen zwischen Architektur und Stadtraum verschwimmen – und animiert zu neuen Nutzungen. Schnell eigneten sich Skater, Biker und sogar Schlittenfahrer die modellierte Platzoberfläche an. Dies sorgte anfangs für Kontroversen in der öffentlichen Debatte. Konservative Kommentatoren sahen den Respekt vor den Opfern der niedergeschlagenen Revolte nicht gewahrt.

Mittlerweile hat sich die Wölbung des Platzes bei aktuellen Demonstrationen bewährt. Es stellte sich heraus, dass sie ein natürliches Auditorium bildet. Heute ist dieser Stadtraum ein beliebter Ort öffentlichen Lebens, an dem unterschiedlicher Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammentreffen.

Versäumen Sie also nicht, bei einem Citytrip nach Stettin am Solidarności-Platz vorbeizuschauen und die beiden Kulturbauten zu besichtigen, welche die brach liegende polnische Architekturlandschaft neu befruchtet haben.

Mareike Dietrich

Textgestalterin – Autorin

Als Innenarchitektin und Texterin gestaltet Mareike Ideen, Räume und Sprache. Für Glücksmomente Charmingplaces berichtet sie über alles, was ihr am Herzen liegt und sie selbst glücklich macht.

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