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Stille Hügel & verlassene Bergdörfer

Balestrino Hinterland Ligurien3

Am Straßenrand wuchsen Palmen, die Köpfe staubig und stachlig. Zwischen ihnen blühten riesige Agaven, wie Spinnen hockten sie da mit ihren fleischigen Blättern. Der Himmel hinter ihnen färbte sich rosa und zitronengelb, während die Sonne immer tiefer aufs Meer zusank und von oben ein dunkles Blau herabsickerte wie auslaufende Tinte. (…) Sie fuhren durch einen kleinen Ort, vorbei an Häusern, die so bunt waren, als hätten sie Kinder gemalt. Orange und rosa waren sie, rot und immer wieder gelb: blassgelb, braungelb, sandig gelb, schmutzig gelb, mit grünen Fensterläden und rotbraunen Dächern. Selbst die aufziehende Dämmerung konnte ihnen nicht die Farben nehmen.“

Als ich erfuhr, dass wir mit ihnen nach Ligurien reisen, kamen mir zuerst  Bilder einer Erzählung in den Sinn, die ich in meiner Kindheit dutzende Male gelesen habe. Jene Geschichte handelt von der zwölfjährigen Meggie, die entdeckt, dass ihr Vater eine besondere Gabe hat. Mo kann Menschen, andere Lebewesen und Gegenstände aus Büchern herauslesen. Liest er vor, erscheinen diese in der realen Welt und verschwinden dafür aus der fiktiven. Die Abenteuerreise, die für Meggie in Tintenherz ihren Anfang nimmt, führt sie bald nach Ligurien. Wer die Region einmal bereist hat, den wundert es nicht, dass die Autorin Cornelia Funke ihre bezaubernde Geschichte dort platziert hat.

„Ganz dicht am Straßenrand standen sie, lehnten sich aneinander, als hielten sie einander im Arm. Doch dann waren die Häuser plötzlich fort, und steile Hänge, in deren Falten schon die Nacht nistete, säumten die Straße. (…) Immer tiefer wand die Straße sich in die Hügel hinein, mal hinauf, mal hinab, bis die Abhänge am Straßenrand immer steiler wurden. Das Licht der Scheinwerfer fiel auf Ginster und verwilderte Weinstöcke, auf Olivenbäume, die sich am Straßenrand krümmten wie alte Männer.“

In das dunkle Hinterland Liguriens, weg von den farbenfrohen Häusern am Meer, das in Tintenherz wie „die Haut einer schönen Schlange“ beschrieben wird, führt Cornelia Funke Meggie und ihre Mitreisenden in eine verwunschene Landschaft, deren steile, kurvenreiche Zufahrt erst mal passiert werden muss. Dort wartet die scheinbar unendliche Hügellandschaft, bewachsen von dunklen Wäldern, zwischen denen schroffe Felsformationen hervorragen.

Hinter jeder Wegbiegung kann eines der kleinen, mittelalterlichen Dörfer auftauchen, verstreut in dieser ansonsten einsamen Landschaft. Nicht selten hängen Wolken über den Gipfeln, wie wattige Deckel, die alle Geräusche der belebten Küste zu absorbieren scheinen. Vögel, Grillen, ab und zu ein Auto – mehr ist nicht zu hören. Wenige Orte im ligurischen Bergland sind wirklich touristisch erschlossen. Im Gegensatz zur Küste stößt man hier auf verblichene oder bröckelnde Fassaden. Kleine Gewächse erobern sich den Platz zwischen dem Gemäuer und  manchmal ist das Einzige, was sich bewegt, eine Katze, die um die nächste Hausecke huscht.

„Meggie erkannte Häuser, alte Häuser aus grauem, grob behauenem Stein, über deren Dächer sich bleich ein Kirchturm erhob. Viele der Häuser sahen unbewohnt aus, als sie an ihnen vorbeigingen, durch Gassen die so eng waren, dass Meggie das Atmen schwer fiel. Einigen Häusern fehlte das Dach, andere waren kaum mehr als halb eingestürzte Mauern.“

Einige der Dörfer sind verlassen. Die Spuren der Zivilisation verzaubern die Landschaft einmal mehr und ganz von selbst malt die Fantasie Geschichten in Ruinen. Nicht wenige Dörfer sind umwoben von Legenden. Meist war der Teufel zu Gast oder verwunschene Seelen spuken noch heute in den Orten. Solche mysteriösen Gestalten warten auch auf Meggie im ligurischen Hinterland. Als das Buch verfilmt wird, ist die Kulisse Balestrino, ein verlassenes Dorf knapp 40 Autominuten von unserem Charmingpalce I Freschi entfernt.

Auch sonst haben wir einige schöne Entdeckungen im Hinterland Liguriens gemacht. Und das wortwörtliche, denn der private Verein I Borghi più belli d´Italia zeichnet Dörfer Italiens als die schönsten aus und einige davon liegen in Ligurien. Das fördert vielerorts die touristische Erschließung, weshalb in den Dörfer auch gespeist oder sogar genächtigt werden kann. Statt frischer Fisch kommt im Hinterland Liguriens übrigens Kalb, Kaninchen und gegrilltes Gemüse auf den Tisch. Ein kulinarischer Ausflug lohnt sich.

Die schmalen und kurvenreichen Straßen verlangsamen die Anfahrt und es bleibt ausreichend Zeit, die Landschaft zu genießen. Tolle Wanderstrecken und ein angenehmes Klima sind Vorzüge der Region. Gerade im späten Frühling sind die blühenden Wiesen und Wälder eine Freude für alle Sinne. Oft hat man die Wege ganz für sich und hier und da kann man einen weiten Blick über die Berge oder sogar auf das Mittelmeer erspähen.

Wiederbelebtes Dolcedo

Dolcedo ist ein Dorf, das eigentlich schon dem Verfall geweiht war, als Aussteiger den Ort in den 1970ern für sich entdeckten und wiederbelebten. Als der Tourismus das ligurische Hinterland eroberte, wurde in Dolcedo zunehmen restauriert und heute können Gäste sich sogar in einige der zahlreichen Ferienwohnungen einquartieren. Trotzdem hat das Dorf seinen etwas aus der Zeit gefallenen Flair erhalten. Jedoch gibt es Geschäfte des täglichen Bedarfs und Gastronomie, die sogar die späten Abende in der kleinen Ortschaft belebt.

Auf den Spuren von Monet in Dolceàcqua

Eine Besonderheit von Dolceàcqua ist der Fluss Nervia, der sich im großen Halbkreis um den Häuserkern spannt. Die alte Steinbrücke verhalf dem Dorf zur Berühmtheit, weil Monet die Ponte Vecchio 1884 in einem Bild verewigte. Die Malerei gleicht einer Szene aus einem Märchenbuch. Bis heute hat sich augenscheinlich nicht viel verändert. In den steilen und dunklen Gassen finden Sie nun jedoch kleine Boutiquen und Ateliers mit Handwerkskunst. Außerdem gibt es gutes Olivenöl (Dolceàcqua liegt nahe dem Hauptanbaugebiet der Region) und den Wein Rossese di Dolceàcqua, der in der Gegend überall auf der Karte steht.

Hippiedorf Bussana Vecchia

Bussana Vecchia ist ein kleines Dorf kurz vor San Remo. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ort von einem Erdbeben zerstört und die Einheimischen verließen es kurze Zeit später. In den 1960er Jahren gründete sich dort eine italienische Künstlerkolonie, die über die Jahre Menschen aus unterschiedlichsten Ländern anzog. Heute finden Gäste in Bussana Vecchia immer noch Künstlerateliers, kleine Geschäfte und Gastronomie.

Ein Besuch lohnt sich aber vor allem wegen der alternativen Gestaltung des Dorfes. Hübsche Bepflanzungen und kleine Kunstwerke überraschen an jeder Ecke. Das alternative Leben der Bewohner_innen ist jedoch immer wieder bedroht. Warum können Sie hier nachlesen.

Spannendes Tourismuskonzept in Apricale

Apricale entspricht genau dem, was man sich unter einem Dorf im ligurischen Hinterland vorstellt. Die Häuser türmen sich scheinbar aufeinander den steilen Berg empor und ganz oben ragt ein spitzes Kirchturmdach über den Ort. Einst lebten die Menschen hier vom Olivenanbau, jedoch zog es die Einheimischen nach und nach in die Stadt.

Ein ambitionierter Lokalpolitiker eröffnete vor einigen Jahren ein Museum, was dem Dorf mehr Gäste und damit profitablen Tourismus bescherte. Die Menschen kamen zurück und Apricale wurde zu einem Albergo Diffuso, ein verstreutes Dorf, wie das Tourismuskonzept in Italien heißt. Orte, die  bereits verlassen oder von Abwanderung bedroht sind, werden dadurch belebt, dass Touristen in das einheimische Leben aktiv integriert werden. Heute gibt es wieder kleine Läden und Restaurants in Apricale.

Auch sehenswert ist das Albergo Diffuso Borgomaro. In diesem Beitrag wird das Konzept ausführlicher vorgestellt.

Hexendorf Trioria

Der Weg nach Trioria führt bis ins tiefe Hinterland Liguriens und an dessen Ende wartet eine dunkle Geschichte. Ende des 14. Jahrhunderts wurden hier zahlreiche Frauen von der Inquisition gefoltert und verbrannt. „Hexendorf“ wird Trioria deshalb auch genannt. Ein kleines Museum im Ort erzählt von dieser düsteren Vergangenheit. Über die gepflasterten kleinen Straßen können Trittsichere den Ort erklimmen und werden oben mit einer großartigen Aussicht über das Tal und die Umgebung belohnt. Kleine Wege führen direkt ins Umland, ein kleiner Spaziergang lohnt sich. Im mittelalterlichen Ortskern kann man außerdem schön Kaffee trinken.

Außerdem sehenswert sind Zuccarello, Castelvecchio di Rocca Barbena oder Colletta di Castelbianco. Außerdem können wir  Abenteuerlustige nur dazu ermutigen sich einfach auf Entdeckungstour in das ligurische Hinterland zu wagen – bestimmt können Sie unsere Liste ergänzen.

Mehr über Tintenherz

Der Verfilmung von Tintenherz ist derzeit auf Netflix zu sehen.

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Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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