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Wie der Jugendstil an die Versilia kam

Viareggio Jugendstil Liberty

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La Passeggiata, so wird die Promenade in Viareggio genannt. Dieser – wörtlich übersetzte – Spazierweg ist das Aushängeschild der Versiliaküste. Bekannt wegen der unerwarteten Ansammlung von Jugendstilgebäuden an der Viale Regina Margherita, welche die langen Sandstrände der Toskana säumen.

Ganz anders als die bunten Dörfer der nördlich anschließenden Region Ligurien oder die Belle Époque-Villen in Livorno prägt die Architektur den Landstrich der Versilia-Küste. Dass diese Epoche dort ihre Spuren hinterlassen hat, ist verschiedenen zeitgeschichtlichen Strömungen zu verdanken und einigen wenigen Zufällen.

Viareggios Stadtgeschichte beginnt erst so richtig im 18. Jahrhundert, als das damalige Sumpfgebiet trocken gelegt und so Baufläche geschaffen wurde. Bis der kleine Ort am Ausläufer der italienischen Riviera seine Identität als Seebad fand, sollte jedoch ein gutes weiteres Jahrhundert vergehen.

Der europäische Adel gastierte gerne in Sommerresidenzen in der Nähe des Tyrrhenischen Meeres und als die Badekultur populär wurde, entstand auch die erste Badeanstalt in Viareggio. Genau datiert ist die Eröffnung des Bagno Balena nicht, aber es soll das erste Strandbad an der Passeggiata gewesen sein.

Jedoch waren es nicht die Bagnos, die den Grundstein für das Jugendstilensemble legten, sondern ein Feuer, das im Jahr 1917 beinahe die gesamte Viale Regina Margherita niederbrannte.

Einzig das 1899 erbaute Chalet Martini wurde gerettet und ziert bis heute die Promenade, die nach ihrer Zerstörung von populären Architekten und Dekorateuren neu gestaltet wurde.

Neben Alfredo Belluomini war es vor allem der Florentiner Künstler Galileo Chini, der den neuen Stil der Passeggiata prägte. Der Maler und Keramikspezialist hatte sich bereits als Wegbereiter des Liberty Stils einen Namen in Italien gemacht.

Ein Stil, viele Namen

Eine der wohl spannendsten Faktoren des Jugendstils ist, dass es sich nicht um eine uniforme Bewegung handelte, sondern eine Strömung, die sich an vielen Orten Europas zeitlich entwickelte und somit immer ein wenig verschieden gestaltete – auch namentlich. Während es in England der Modern Style war, hieß er in Frankreich Art nouveau, in Spanien Modernisme, in Österreich Sezessionsstil und in Italien Liberty Stil.

Gemein war diesen Strömungen, dass sie die bisherige Formensprache, die sich vor allem durch den Historismus definierte, ablehnten. Als großes Vorbild für den Jugendstil wird die Arts and Crafts-Bewegung aus Großbritannien gedeutet.

Diese hatte es sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts zur Aufgabe gemacht, die Grenze zwischen hohen Künsten, also Architektur, Bildhauerei oder Malerei und angewandter Kunst sowie die Gestaltung von Möbeln oder Schmuck, aufzulösen. Umsetzung fand dieses Bemühen vor allem dabei, alltägliche Gebrauchsgegenstände künstlerisch aufzuwerten. Ideell eine Antithese zu den rein funktionellen Massenproduktionen des Industriezeitalters.

Künstlerische Inspirationen fand das Arts and Crafts Movement vor allem in naturellen und weichen Formen – wie alle Jugendstil-Strömungen. In der Ausführung fanden diese jedoch ganz unterschiedliche Interpretationen.

Während sich beispielsweise Antoni Gaudí stark an organischen Formen und Vorbildern aus der Natur orientierte, arbeitete die Wiener Secession (Gründungsmitglied Gustav Klimt) mit einer viel klareren Formsprache, ihr künstlerisches Bemühen war wiederum politischer.

Das eigens für die künstlerische Arbeit der Vereinigung errichtete Ausstellungsgebäude (Wiener Secession, Wien) trägt den Schriftzug in goldenen Lettern „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“. Bis heute wird dort zeitgenössische Kunst ausgestellt.

Eine große Kulisse

Die auf dem Gebäude proklamierte Freiheit setzte sich im Jugendstil vor allem durch die Naturverbundenheit um und gerade in der architektonischen Formensprache, dass die Funktion eines Gebäudes die Bauart sichtbar bestimmen darf. So wetteiferten viele Jugendstil-Architekten dahin, jede noch so gewöhnliche Ausstattung zu einer Besonderheit zu machen.

Dieser Anspruch zieht sich auch durch die Viale Regina Margherita, der Passeggiata von Viareggio. Orientalische Ornamente, verschnörkelte Türmchen und Erker, opulent verzierte Keramikfliesen und Fenster mit bunten Gläsern.

Hier treffen stilistisch die Glasarbeiten von Louis Comfort Tiffany, die architektonische Größe von Otto Wagner und die feingliedrigen Muster von Alfons Mucha.

Am schönsten entdecken Gäste diese jugendstilistische Vereinigung in den Fassaden des Gran Caffè Margherita, des alten Theaters Teatro Eden, die Galleria del Libro oder das Emporio Duilio und sowie in den ursprünglichen Anlagen der Bagnos Balena, Felice und Amado.

Eine eindrucksvolle Kulisse, wie man sie sonst fernab von Strandbädern in großen Städten wie Riga oder München findet.

Was zur Entscheidung beigetragen hat, ausgerechnet die Promenade in Viareggio nach diesem Vorbild zu gestalten, mag dem Zeitgeschehen geschuldet sein. Sicher hat sie zum Erhalt des mondänen Flair beigetragen, welches schon zuvor die Versilia geprägt hat.

Der kulissenhafte Eindruck verstärkt sich, wenn man den Hinterbau der Gebäude betrachtet. Hier findet man keinerlei Verzierungen. Gefühlt manchmal fast nicht mehr als ein paar Steine und Latten, die den Vorbau zur Schau stellen.

Aber mehr braucht es auch gar nicht. Schließlich spielt sich alles Wichtige in Viareggio unter freiem Himmel ab, wenn die Sommergäste von Versilia ihr Strandtheater spielen.

Mehr erfahren zum Jugendstil

Tolle und gestalterisch ganz der Tradition seines Inhalts folgende Bücher finden Sie in Jugendstil von Norbert Wolf, informativ in Jugendstil von Klaus-Jürgen Sembach und bildgewaltig in Jugendstil von Maria-Christina Boerner, Rolf Toman und Achim Bednorz.

Der Film Klimt porträtiert zwar weniger den österreichischen Maler, jedoch fangen die Bilder schön den Zeitgeist und die Jahrhundertwende ein.

Mein persönliches Highlight aus der Recherche: Der Zoologe Ernst Haeckel hat mit seinen detaillierten Abbildungen Inspiration für verschiedene Jugendstilkünstler geschaffen. Seine Zeichnungen finden noch heute Fans in Naturwissenschaft und Kunst. In diesem Buch erhalten Sie Einblick in sein Werk.

Tipps für die Versilia-Küste

Viele Anregungen für Ihren Urlaub hier an der Küste der nördlichen Toskana finden Sie in unserem Artikel: Geheimtipps Versilia.
Ein außergewöhnlich schönes Boutiquehotel in dieser Gegend ist die Locanda al Colle, ein “Place to go” für Ästheten!


Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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