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Eis-Euphorie und Kälte-Kick: Baden auf Finnisch

Eisbaden Finnland

Foto oben: Tiia Monto, Peurunka – avanto, CC BY-SA 4.0

Bestimmt, weil es glücklich macht: Im UN World Happiness Report 2021 wurde Finnland zum vierten Mal in Folge zum glücklichsten Land der Welt gekürt. Das Glück währt im hohen Norden offenbar länger als anderswo.

Ob es an der Naturverbundenheit der Finnen liegt? Neben dem Eisbaden machen die Nordländer noch so einiges, was einem zentralheizungsverwöhnten und supermarkternährten Städter archaisch vorkommen mag. Das Erbeuten von Nahrung zum Beispiel. Angeln hat im „Land der tausend Seen“ ganzjährig Saison – wobei das ins Eis gehackte Loch praktischerweise gleich zum Baden genutzt werden kann. Wildwachsende Lebensmittel zu sammeln, gehört ebenfalls zum Volksgut und wird nicht nur von Survival-Freaks und Kräuterhexen praktiziert.

Das in Finnland geltende Jedermannsrecht erlaubt allen, sich frei in der Natur zu bewegen und zu campieren. Ein Glück – denn ein Land, das zu 90 Prozent mit Wasser oder Wald bedeckt ist, lädt zu Outdoor-Aktivitäten geradezu ein.

Eisbaden im Seenland Saimaa

Die sprichwörtlichen Tausend Seen Finnlands sind genau genommen 188.000.

Im Südosten des Landes liegt der größte von ihnen: über 4.000 Quadratkilometer misst der Saimaa. Er ist kein einzelner See, sondern ein weit verzweigtes Seensystem, das aus unzähligen miteinander verbundenen Gewässern und Inseln besteht. Kaum vorstellbar, dass diese riesige Wasserfläche im Winter komplett zufriert und man auf dem dicken Eis sogar mehrtägige Ski- oder Schlittschuhwanderungen unternehmen kann.

Dann ist es für einheimische Schwimmer an der Zeit, nicht nur die Badehose, sondern auch Eisbohrer und Säge einzupacken. In mehr als 200 registrierten Eisschwimmvereinen frönen die Finnen ihrer eiskalten Leidenschaft. Noch mehr Menschen legen in der Nähe ihrer Häuser ein privates Eisbadeloch an.

Auch an den bewaldeten Ufern des Lake Saimaa finden sich viele Badestellen mit Winterbetrieb. Für Touristen mit Eisbade-Ambitionen empfiehlt es sich, eine Unterkunft mit Sauna zu wählen. Mit kurzen Tauchbädern nach dem Saunieren kann man seinen Körper langsam an die Kälteexposition gewöhnen. Traditionell gehen die Finnen vor und nach der Sauna ins Eiswasser. Oder ganz ohne, um den Kreislauf so richtig in Schwung zu bringen.

Apropos Tradition: Seit 1989 werden an verschiedenen Orten in Finnland nationale Meisterschaften im Winterschwimmen ausgetragen, auch wenn die Finnen diese Sportart schon seit dem 17. Jahrhundert ausüben. Im Winter 2000 fanden die ersten Weltmeisterschaften nahe Helsinki statt, bei denen eine 25-Meter-Strecke in minus 1,5 Grad kaltem Wasser zurückgelegt werden musste.

Ob die Finnen das Eisschwimmen erfunden haben, kann nicht belegt werden. Als bislang siebenmaliger Gastgeber der Winter Swimming World Championships trägt das Land aber wesentlich zur Verbreitung des nordischen Volkssports bei. In Skandinavien und einigen osteuropäischen Ländern gehört das Eisbaden zum Winter dazu, wie bei uns das Rodeln.

Die Heilkraft der Kälte

Bleibt die Frage nach dem Warum. Sie drängt sich als allererstes auf, wenn sich Menschen extremen Bedingungen aussetzen. Warum soll ich meine Komfortzone verlassen und den Sprung ins kalte Wasser wagen?

Zuallererst, weil es sich einfach nur gut anfühlt. Nicht unbedingt während man im Eiswasser ist – aber danach umso mehr. Nach dem Eisbad erlebt man einen wahren Energieschub, verspürt mentale Klarheit und körperliche Frische. Ein natürliches High, das noch stundenlang anhalten kann und den Winterblues zuverlässig vertreibt. Und nicht zuletzt, weil es – achtsam praktiziert – gesund ist.

Was passiert da im Körper? Dank des Niederländers Wim Hof, auch bekannt als The Iceman, ist das mittlerweile gut erforscht. Um die normale Körpertemperatur von 36,3 bis 37,4 Grad zu halten, muss der Organismus bei extremer Kälte sehr viel Energie freisetzen. Er verbrennt Fettreserven und schüttet Endorphine, Adrenalin und entzündungshemmende Kortikoide aus.

Beim Eintauchen ins Eiswasser ziehen sich die Hautgefäße zusammen. Das Blut wird zur Körpermitte geleitet, um die lebenswichtigen Organe zu versorgen. Steigt man aus dem Wasser, weiten sich die Gefäße wieder und es kommt zu einer verstärkten Durchblutung. Trotz der Kälte fühlt sich der Körper warm an und es entsteht ein prickelndes Gefühl auf der Haut.

Wim Hof hat durch wissenschaftliche Studien bewiesen, dass jeder Mensch in der Lage ist, mit entsprechendem Training sein autonomes Nervensystem zu beeinflussen und die Körpertemperatur willentlich zu erhöhen. Er selbst und seine Schüler beeindrucken mit extremen Leistungen; etwa Höhenbergsteigen ohne isolierende Kleidung.

Wesentlicher Bestandteil seiner Methode ist eine Atemtechnik, die auf der tausend Jahre alten tibetischen Tummo-Meditation beruht. Sie trägt dazu bei, in der Kälte entspannt zu bleiben und sorgt dafür, dass die Körperzellen gereinigt und besser mit Sauerstoff versorgt werden.

Regelmäßiges Kältetraining kann heilsam sein. Es stärkt nachweislich das Immunsystem, trainiert das Herz-Kreislaufsystem, senkt die Entzündungswerte im Blut und wirkt stimmungsaufhellend. Bereits zwei Minuten pro Woche sollen genügen, um von den antidepressiven Effekten des Eisbadens zu profitieren. Womit wir wieder bei den glücklichen Finnen sind.

Die finnische Art der Resilienz

In Finnland ist Avantouinti, das Baden im Eisloch, ein Zeichen von Sisu. Der nicht wörtlich übersetzbare Begriff kann als klagloses Durchhaltevermögen wiedergegeben werden. Sisu beschreibt jene positive Lebenseinstellung, die als kulturelles Konzept für die Finnen identitätsstiftend geworden ist. Das Talent, in herausfordernden Situationen nicht sofort aufzugeben, sondern durch innere Stärke Standhaftigkeit und Selbstvertrauen zu zeigen.

Das klingt doch erstrebenswert! Auch in Deutschland erfreut sich Eisbaden immer größerer Beliebtheit. Hierzulande können wir uns Johann Wolfgang von Goethe zum Vorbild nehmen, der seinerzeit das Eis der Ilm aufhacken ließ, um im Fluss zu baden. Mit zunehmender Übung und Atemroutine entwickeln wir bestimmt die Muße, im Eisloch ein paar Verse zu dichten. Poetisch Unbegabten sei die Versenkung in Naturbetrachtung oder Meditation ans Herz gelegt, um länger im Wasser zu verweilen.

Mareike Dietrich

Textgestalterin – Autorin

Als Innenarchitektin und Texterin gestaltet Mareike Ideen, Räume und Sprache. Für Glücksmomente Charmingplaces berichtet sie über alles, was ihr am Herzen liegt und sie selbst glücklich macht.

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