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Das doppelte Lottchen

Das doppelte Lottchen Buch

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Illustration: Burak Eser

Klaviergeklimper und die sonore Stimme von Hans Söhnker aus dem Kassettenrekorder sagt: „Kennt ihr eigentlich Seebühl? Das Gebirgsdorf Seebühl am Bühlsee? Nein, nicht? Nun wenn ihr Seebühl am Bühlsee nicht kennt, könnt ihr natürlich auch das Kinderheim Seebühl am Bühlsee nicht kennen. Das bekannte Ferienheim für kleine Mädchen, wo unsere Geschichte anfängt.“

Eine Geschichte, die ich vielleicht etwa hundert Mal oder öfter gehört habe. Die ebenso oft in anderen Kinderzimmern erzählt wurde, sogar schon, als meine Eltern noch Kinder waren. Eine Geschichte, die heute in dutzenden Neuauflagen erzählt wird und mich sofort wieder Kind werden lässt, sobald ich nur das Titelblatt des Buches sehe. Das doppelte Lottchen.

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Zwei Mädchen, Luise und Lotte, stehen auf einer Wiese. Im Hintergrund ein See, ein paar Häuser mit Kirchturm und Berge. Seebühl ist ein fiktiver Ort, erfunden von Erich Kästner. Es heißt nur, er sei in den Alpen. Während die Zwillinge, Luise und Lotte, in den echten Städten München und Wien leben, treffen sie sich in den Ferien an einem Ort der Fantasie. Rein logisch wäre es aber irgendwo dazwischen. Zum Beispiel Tirol.

Wenn man sich an die ersten Szenen der Geschichte erinnert, dann findet man passende Kulissen in Tirol überall. Ein idyllisches Gebirgsdorf mit See, in dem ein paar kleine Mädchen toben. Weiden, auf denen Lotte sitzen könnte, um einen Blumenkranz zu flechten. Ein Gebirgsbach, auf dessen Grund die Fetzen der ersten Fotografien der Zwillinge liegen, weil sie sie nicht nach Hause schicken wollen. Ihre Eltern sollen nicht entdecken, dass sie sich in den Ferien begegnet sind.

Warum, fragt man sich heute. Und wo soll der verrückte Plan hinführen, einfach den Platz der anderen einnehmen, fragt man sich auch. Dinge, die man als Kind einfach hingenommen hat. Genauso, wie man aus heutiger Perspektive die Frauenbilder und Umgangsformen in der Geschichte als befremdlich empfindet.

Luise und Lotte: Damals & Heute

Für damalige Zeit war es wohl recht fortschrittlich von einer getrennten Familie zu erzählen. Die Idee zum doppelten Lottchen hatte Kästner bereits 1942. Der Autor durfte während der nationalsozialistischen Diktatur nicht mehr schreiben und veröffentlichen, jedoch kurzzeitig als Drehbuchautor arbeiten. So war die Geschichte bereits als Film geplant, wurde jedoch wieder fallen gelassen, als Kästner erneut gänzliches Schreibverbot erhielt.

1949 erschien die Erstauflage des Romans. Darin erzählt Kästner von den vertauschten Zwillingen, von einer berufstätigen und alleinerziehenden Frau, getrennt von einem Mann, dessen Charakter auf die mögliche Schuld am Beziehungsende hindeutet. Außerdem sind die Hauptcharaktere Luise und Lotte ebenfalls Mädchen, anders als in Kästners sonstigen Kindergeschichten.

Gleichzeitig haben Luise und Lotte, geprägt von ihrem Heranwachsen bei Vater oder Mutter, unterschiedliche Charaktere. Lotte ist höflich, brav und fit im Haushalt – groß geworden bei ihrer Mutter Luiselotte Körner. Luise ist stürmisch und hat einen großen Gerechtigkeitssinn – aufgewachsen bei ihrem Vater Ludwig Palfy.

Man gewinnt den Eindruck, als würde insbesondere Lotte (eigentlich Luise) für mehr Balance in Lottes Lebens sorgen. Sie ist zwar weniger brav und schlechter in der Schule als früher, dafür lebenslustiger und behauptet sich gegenüber einer schikanierenden Mitschülerin, heißt es im Buch. Luise (eigentlich Lotte) hingegen wird krank in Anbetracht der Möglichkeit, dass der Vater eine andere Frau als die eigene Mutter heiraten könnte. Als das Versteckspiel der beiden auffliegt, reisen die Mutter und Luise nach Wien und Lotte wird wieder gesund. „Eine Mutter ist eben die beste Medizin“, konstatiert der Arzt.

Es sind spannende Bilder, die Kästner zeichnet und die damaligen Rollenbilder auf den Kopf stellen, in vielen Punkten aber dennoch in ihren Mustern bleiben. So ist das plötzliche Wieder- Zusammenfinden der Eltern am Ende der Geschichte ein trauriger Widerspruch zu der Realität vieler getrennt lebender Eltern, die trotzdem zu einem Happy End gefunden haben.

Die neueste Verfilmung aus dem Jahr 2017 lässt dieses Ende immerhin offen und es zeigt: Eine der besten Kindergeschichten überhaupt ist noch lange nicht fertig erzählt. Wir erzählen sie wieder und wieder und wieder.

Das doppelte Lottchen entdecken

Das anfangs erwähnte Hörspiel können Sie hier umsonst auf YouTube hören.

Das doppelte Lottchen wurde mittlerweile etwa 14 mal verfilmt. Meine liebsten Fassungen sind die erste von 1950 (DVD), Charlie & Louise (1994 / Amazon Prime) und Ein Zwilling kommt selten allein (1998 / Disney +)

Der erste Film wurde in Tirol am Thiersee gedreht. Heute kann man auf einer geführten Wander- & Entdeckertour die ehemaligen Filmkulissen entdecken.

Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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