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Warum es manchmal einen Neuanfang braucht, um zu bleiben, wer man ist

In unserem Format Charming People erzählen wir Kurioses, Schönes und Inspirierendes aus dem Leben der Menschen, denen wir bei unserer Suche nach besonderen Orten begegnen.

Die meisten von uns werden sie schon einmal erlebt haben: Momente, in denen einem klar wird, dass man etwas ändern muss. Etwas Großes, Grundsätzliches. Das Quälende an den Momenten ist, dass man oft nicht weiß wie. Umso schöner sind die Geschichten, die davon erzählen, wie andere eine Antwort auf diese Frage gefunden und diese Antwort in die Tat umgesetzt haben. Sie dienen als Inspiration und wenn nicht, als kleiner Mutmacher, dass es meistens eben doch einen Weg gibt – auch wenn der anders aussieht als gedacht. Reiseveranstalterin Anja Fischer erzählt uns die bewegende Geschichte von ihrem. (Siehe auch Video dazu https://youtu.be/IITqU-hsQRw)

Anja Fischer ist Gründerin des Online Reisemagazins Glücksmomente-Charmingplaces
Ihr Beruf und ihre Passion ist es seit Jahrzehnten zu reisen, schöne Orte zu entdecken und diese für andere erlebbar zu machen. Das tat sie mehr als 25 Jahre als Inhaberin des Boutique Reiseveranstalters Siglinde Fischer und das macht sie heute in noch facettenreicherer Form. In ihrem Onlinemagazin Glücksmomente-Charmingplaces nimmt sie die Menschen bereits beim Lesen mit auf Reisen und teilt Ideen und Inspirationen, die liebevoll recherchiert sind. Im Mittelpunkt steht dabei ihre sorgfältig ausgewählte Charmingplaces Kollektion – besondere Hotels und Feriendomizile jenseits des Mainstream.

“Es war Ende April 2020, seit fast 2 Monaten herrschte Chaos, die Corona Pandemie hatte die Welt im Griff.

In meinem Fall: Das Reise-Unternehmen, für das ich seit mit Herz und Seele Jahrzehnten lebte und dessen Geschäftsführerin ich war.

Ich stand morgens in der Dusche, die Nacht davor hatte ich  mal wieder wenig Schlaf, da ich gedanklich immer und immer wieder mögliche  Lösungen durchdachte, um immer wieder zum Gefühl von kompletter Perspektivlosigkeit zurückzukehren. Das heiße Wasser lief mir übers Gesicht und ich schloss die Augen – und auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Lösung würde darin bestehen, alles loszulassen, um völlig neu zu beginnen, ich hatte auf einmal eine klare Vision, von einer Minute auf die andere… 

Die Vorgeschichte: 

Mein voriges Unternehmen, das den Namen Siglinde Fischer hatte, wurde in den 80er Jahren von meinen Eltern gegründet, sie vermieteten Ferienhäuser und Villen in der Toskana, stets zeichnete ihr Angebot hohe Qualität, aber vor allem Leidenschaft und Passion aus, denn sie liebten das Land, die Mentalität und die Menschen dort. Ende der 90er trat ich nach meinem BWL Studium mit meinen beiden Brüdern ins Unternehmen ein und wir entwickelten eine größere Vision. Wir liebten,  wie unsere Eltern, den Lifestyle des Südens, die Fähigkeit der Italiener, das Leben – und auch die kleinen Momente zu genießen – als währten sie für die Ewigkeit. Dies erlebbar zu machen wollten wir weiter ausbauen, so erweiterten wir auf ganz Italien und andere Mittelmerländern und nahmen kleine Boutiquehotels mit auf, unsere Charmingplaces, die wir ab da so nannten. Dabei war unsere Philosophie stets: Luxus zeichnet sich nicht durch Sterne aus, sondern durch Wohlfühlen, Stil und große Gastfreundschaft. Ich wurde 2005 offiziell die GF und wir skalierten unsere Umsätze und bauten ein Team mit 20 Mitarbeitern auf. Rund 15.000 Gäste reisten pro Jahr mit uns in unsere Charmingplaces, wir schrieben eine Erfolgsgeschichte.

Dann kam mit der Wirtschaftskrise 2008 der erste Knick,wir realisierten, dass sich etwas verändert hatte, anfangs dachten wir, es läge an der ökonomisch instabilen Zeit, doch tatsächlich lauerte die Gefahr aus einer ganz anderen Richtung. Den reinen Onlineanbietern, den sogenannten OTAs wie Booking.com und Expedia, die wir anfangs völlig unterschätzt hatten, da wir nicht erwarteten, dass sie unserer Nische gefährlich werden konnten. Immer gefährlich, etwas zu unterschätzen! Und auf einmal realisierten wir, dass es nicht mehr nur um Qualität und guten Service ging, sondern Preiskampf beherrschte unseren Alltag auf oft sehr unfaire Weise, wie es ja auch in so vielen Branchen das Problem ist. Unser liebevoll recherchiertes Portfolio und unsere aufwändig produzierten Kataloge dienten oft zur Gratis Inspiration, um dann dort zu buchen, wo es günstiger zu sein versprach.  Die Kannibalisierung hatte die Branche im Griff und machte auch vor unserer Haustür nicht Halt.   Die Lösung schien in  technologischer Aufrüstung zu liegen, um diesen Giganten die Stirn zu bieten, es ging dabei um enorme Investitionssummen. Wir trafen uns im November 2014 in Rom mit anderen Spezial- und Nischenanbietern aus dem europäischen Raum, um eventuell eine gemeinsame Lösung für dieses Problem zu finden und ich lernte dabei einen dänischen Veranstalter kennen, der technologisch die Nase weit vorne hatte. Wir waren uns sympatisch und starteten zunächst erfolglos mit Kooperationsverhandlungen in Form eines Lizenzmodells, die 2016 in Fusionsverhandlungen übergingen und schließlich 2018 darin mündete, dass ich entschied, an den skandinavischen Konzern zu verkaufen, zu dem der dänische Veranstalter inklusive seiner zukunftsweisenden IT inzwischen gehörte.


Rückblickend sage ich noch immer: Eine der besten Entscheidungen, die ich für das Unternehmen treffen konnte, da der Rahmen und die Möglichkeiten auf einmal viel größer waren, was überlebensnotwendig war. Bestandteil der Verkaufsgespräche war, dass ich als Geschäftsführerin in DACH bleiben sollte. Wir vollzogen die Transformation zu einem international orientierten Unternehmen und 100%er  Digitalisierung. Ich war so stolz auf mein Team, die diesen Schritt voller Optimismus und Freude unterstützten und darin wie ich die großen Entwicklungschancen erkannte und gemeinschaftlich transformierten wir uns, ohne Angst vor der großen Veränderung und davor, sich auf einmal in ein internationales Team eingliedern zu müssen. Ich nutzte dabei das Jahr 2019, um das Unternehmen nochmals komplett in seinen Stärken und Schwächen zu analysieren, seine wichtigen Werte und Glaubenssätze, die stets der Rote Faden für ein Erfolgskonzept waren und bewahrt werden mussten, um eine ideale Symbiose mit der neuen Technologie zu bilden. Wir setzten bis zum Jahresende wichtige Teile der Pläne um und drückten mit Rückendeckung der Skandinavier zu Beginn des Jahres 2020 den Push Button – und es explodierte! Wir starteten mit einem Umsatzwachstum von +  60%, es war unglaublich. Wir feierten jeden Tag unsere Erfolge und ich ließ im Büro Mini Snickers regnen, was wir immer machten, wenn es besonders gut lief! Wir tanzten im Büro und waren unglaublich stolz auf uns. Ich erhielt auch wöchentlich E-Mails vom Vorstand aus Oslo, der restlos begeistert war und nun ganz genau verstehen wollte, was das Erfolgskonzept von diesen Deutschen war, um es eventuell für einige der skandinavischen Brands zu nutzen.

Ich stand Anfang März 2020 im Office in Kopenhagen und hielt meine Präsentation und erklärte die offensichtlichen Gründe für den Erfolg.


Es war absurd. Absurd, denn draußen fielen bereits die Corona Bomben. Was es am Treffendsten beschreibt. Ich erzählte von meinen Ideen, meinen Werten, meinen Visionen und gleichzeitig war mir klar: Die Reise würde völlig anders weitergehen, als ich es mir noch Tage vorher vorstellen konnte.

Dann begann das Chaos. Man kann sich nicht vorstellen, wie unser Alltag von einem Tag auf den anderen aussah. Statt mein Team in Kurzarbeit zu schicken, mussten wir mit voller Besatzung die ganzen Buchungen, und es waren ja dieses Jahr noch viel mehr als sonst,  wieder rückabwickeln. Automatisierte Prozesse mussten manuell gemacht werden, wir saßen stundenlang in Warteschleifen und wurden von E-Mails verunsicherter Kunden bombardiert. Das alles ohne jede Bezahlung. Es war der Wahnsinn. 

Nun zurück zu jenem Morgen Ende April 2020 in der Dusche:

Ich hatte die Antwort auf einmal glasklar und ohne jeden Zweifel, Heute behaupte ich sogar, es war eine Eingebung!
Die Lösung würde darin bestehen, alles loszulassen, um völlig neu zu beginnen, ich hatte auf einmal eine klare Vision, von einer Minute auf die andere. Ein Festhalten am Alten würde bedeuten, ein Unternehmen voller Kompromisse führen zu müssen und dabei alle Werte über Bord zu werfen, die uns so viele Jahre zu dem gemacht hatten, wofür uns unsere Kunden liebten: Unsere Freude, unsere Passion und unsere Leidenschaft und unsere Liebe für Details und das außergewöhnliche, jenseits des Mainstream. Das war unsere DNA. Diese zu verlieren war keine Option! 


Ich trug dem Vorstand aus Oslo meine Entscheidung vor und er willigte ein, das Unternehmen in die Insolvenz zu führen – und so geschah es, ich navigierte das wunderschöne Schiff Siglinde Fischer mit vollen Segeln in den letzten Hafen und ging Hand in Hand mit meinem tollen Team von Bord. Erhobenen Hauptes und voller Dankbarkeit. Denn eines konnte uns niemand nehmen: unsere Leidenschaft, unsere Werte und unser Selbstbewusstsein.

An diesem besagten Morgen in der Dusche hatte ich nämlich erkannt, dass Corona mir zeigte, dass ich das Wie, also die Art, wie ich meine Passion und Leidenschaft mit der Welt teile, ändern musste, aber nicht das Warum. Das konnte und durfte mir keiner nehmen. Und dass ich über Jahre versucht hatte, das Wie zu optimieren und dabei das Offensichtliche nicht erkennen wollte, dass auch eine Top Technologie die Probleme der kannibalisierten Branche nicht lösen würde, sondern dass ich damit das ungute Spiel nur selber mitspielte. Und auf einmal hatte ich das Bild klar vor Augen und das heutige Geschäftsmodell.

Was sich seither verändert hat: Alles! Und doch nichts! Ich habe zur Essenz meiner Passion gefunden oder man könnte auch sagen, ich wurde mir bewusst, worum es mir genau geht, was mich antreibt, was mich glücklich macht und was es ist, das mich über mich selbst hinauswachsen lässt. Wir hatten schon bei Siglinde Fischer klar definierte Werte, das heißt, es waren die gleichen, die wir heute haben, doch rückblickend kann ich sagen, ein Teil dieser Werte wurde auch mit Kompromissen gelebt. Heute leben wir diese Werte 100%, jeden Tag, sie sind Teil unseres Seins und unser klarer Kompass, der so eindeutig ist, dass es auch keine Zweifel mehr gibt, wie eine festgesteckte Leitplanke, die uns sicher durch die Gewässer führt  – und die sind ja nach wie vor noch wild, wenn man das aktuelle Weltgeschehen anschaut. Ich spreche von uns und wir, denn mich begleitet ein wundervolles Team, das durch diesen Wertekontext miteinander verbunden ist, ganz leicht, locker, luftig und doch durch ein festes Band verbunden, damit jeder darin Halt findet. So gehen wir Schritt für Schritt nach vorne, gemeinsam, freudvoll, motiviert, wertschätzend voller Vertrauen in die Vision – und diese ist groß!”

Anja Fischer
Lea Biermann

Lea Biermann

Redaktion

Seit vielen Jahren schreibt Lea für Redaktionen & Unternehmen.
Bei Glücksmomente Charmingplaces erzählt Lea am liebsten über Menschen und ihre Leidenschaft, sowie Bücher oder Filme, die direkt ins Herz gehen.

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